From the magazine recht 1/2019 | S. 25-32 The following page is 25

Das Strafparadimga der Gegenwart: Was bedeutet das alles, und wohin führt es?

Das Strafparadigma der Gegenwart ist die Spezialprävention. Einerseits werden gegenüber der Mehrheit der Straftäter bedingte Strafen ausgesprochen, die deutlich unter dem Mass der schuldangemessenen Strafe angesetzt sind. Andererseits werden einer Minderheit von Straftätern Massnahmen auferlegt, die weit über das Mass der gerechten Bestrafung hinausgehen. Prognostische Überlegungen sind dabei zum Schlüsselmoment der Sanktionierung geworden. Das ist sowohl aus Gründen der Fairness als auch aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit des Prognoseirrtums problematisch. Anstelle des Ausbaus eines spezialpräventiven Sanktionenrechts sollte wieder vermehrt über gerechtes Strafen nachgedacht werden.

I. Einleitung

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Oberthema des heutigen Vortragsabends, den ich gemeinsam mit meinem Kollegen Stefan Maeder bestreite, ist das Straf- und Sanktionenrecht unserer Zeit. Hinter diesem Titel verbergen sich freilich sehr grosse Fragen, und wir werden nur einige spotlights auf das Thema werfen können. Das erste spotlight möchte ich auf das Strafparadigma der Gegenwart lenken und Sie zunächst auffordern, Ihre Strafintuition zu befragen. Lassen Sie uns zu diesem Zweck gemeinsam ein Gedankenexperiment des amerikanischen Rechtsphilosophen Michael Moore durchführen. Dieses mag Sie vielleicht angesichts des heutigen schönen Anlasses auf dem falschen Fuss erwischen. Aber so ist es eben im Strafrecht: Wir beschäftigen uns mit Rechtsgutsverletzungen, die Menschen im Innersten treffen; es ist kein Sonntagsspaziergang:

Chuck zwingt Peggy in sein Auto und vergewaltigt sie auf brutalste Art und Weise; an der nächsten Kreuzung stösst er sie aus seinem Auto. Kurze Zeit…

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